Wer hat Angst vor der 'Wut der Muslime'?

Avaaz-Team - veröffentlicht am 20. September 2012 01:18
Von der Titelseite eines US-Magazins (unten) schreit der allgemeine Medientenor der vergangenen zwei Wochen: die muslimische Welt ist von anti-westlicher Wut über einen islamophobischen Film in Brand gesetzt, Horden gewaltsamer Demonstranten bedrohen uns alle...Doch stimmt das? Bürger und die neuen Medien reagieren bereits, und Gawker hat den Hype bereits mit alternativen Bildern der "Wut der Muslime" brilliant satirisch aufbereitet:






Sieben Dinge, die Sie bei all der 'Wut' vielleicht verpasst haben:

Wie so ziemlich jedermann finden die meisten Muslime das 13-minütige islamophobische Video “Innocence of Muslims” (Die Unschuld der Muslime) schlecht gemacht, geschmacklos und anstößig. Die Proteste haben sich schnell verbreitet, indem sie verständliche und seit langem schwelende Klagen über eine neo-kolonialistische Außenpolitik der USA und des Westens im Nahen Osten, sowie religiöse Empfindlichkeit bei Darstellungen des Propheten Mohammeds aufgreifen. Doch die Berichterstattung lässt oft wichtige Punkte aus:

  1. Frühe Schätzungen besagen, dass die Teilnahme an Demonstrationen gegen den Film bei etwa 0.001 bis 0.007% der weltweit 1.5 Milliarden Muslime liegt -- ein winziger Prozentsatz im Vergleich zu denen, die im Rahmen des Arabischen Frühlings für Demokratie auf die Straße gingen.


  2. Die große Mehrheit der Demonstranten hat sich friedlich verhalten. Die Angriffe auf ausländische Botschaften wurden fast alle von Elementen der Salafistenbewegung, einer radikalislamischen Gruppierung, die es hauptsächlich darauf abgesehen hat, populärere moderate islamische Gruppen zu unterminieren, organisiert oder befeuert.


  3. Hochrangige libysche und amerikanische Offizielle sind unentschieden, ob der tödliche Angriff auf einen US-Botschafter in Libyen vermutlich lange geplant war, um auf den 11. September zu fallen, und somit keine Verbindung zum Film hatte.


  4. Abgesehen von Angriffen radikaler militanter Gruppen in Libyen und Afghanistan legt ein Überblick der Berichterstattung am 20. September nahe, dass wirkliche Demonstranten genau null Menschen getötet hatten. Die Todesfälle, die in den Medien berichtet wurden, sind überwiegend von der Polizei getötete Demonstranten.


  5. So ziemlich jeder wichtige Entscheidungsträger, ob muslimisch oder nicht, hat den Film und jegliche Gewalt, die daraufhin verübt wurde, verurteilt.


  6. Der Papst besuchte auf der Höhe der Spannungen den Libanon und Hisbollah-Mitglieder waren bei seiner Predigt gegenwärtig, warteten mit Protesten, bis er wieder abgereist war, und sprachen sich für religiöse Toleranz aus. Ja, das ist tatsächlich passiert.


  7. Nach dem Angriff von Benghazi gingen Bürger dort und in Tripoli mit Schildern auf die Straße, auf denen sie das Geschehen bedauerten und sagten, dass die Gewalt weder sie noch Ihre Religion repräsentiere.

Dazu kommen zahlreiche wirklich bedeutende Nachrichten, die vergangene Woche kaum Gehör fanden und für reißerische Nachrichten über wütende Muslime Platz machen mussten, die einen "Kampf der Kulturen" propagieren. In Russland gingen zehntausende Demonstranten in Moskau gegen Präsident Putin auf die Straße. Hunderttausende Portugiesen und Spanier schlossen sich Protesten gegen die Sparpolitik an; und über eine Million Katalanen forderten Unabhängigkeit.

Wut der Muslime oder Strategie der Salafisten

Sheikh Abdallah, der salafistische Fernsehmoderator, der den Film verbreitete. Foto: Ted Nieter
Die “Unschuld der Muslime” wurde von Salafisten, einer radikalislamischen Bewegung, die von Saudi-Arabien unterstützt wird, aufgeschnappt und mit Untertiteln verbreitet. Der Film war ein billig gemachter Youtube-Flop bis ein ägyptischer salafistischer Fernsehmoderator, Sheikh Khaled Abdullah (rechts), am 8. September damit begann, ihn unter seinen Zuschauern bekannt zu machen. Die meisten Muslime ignorierten den Film oder protestierten friedlich, doch die Salafisten, erkennbar durch ihre schwarzen Flaggen, instigierten die aggressiveren Demonstrationen, die es auf Botschaften abgesehen hatten. Hohe Mitglieder der Salafistenpartei Ägyptens waren bei den Protesten zugegen, bei denen die US-Botschaft in Kairo getroffen wurde. Wie bei stark rechts gerichteten Bewegungen in den USA oder Europa ist die Strategie der Salafisten, die öffentliche Meinung nach rechts zu ziehen, indem Gelegenheiten zum Aufschüren radikaler Wut und der Dämonisierung ideologischer Gegenspieler genutzt werden. Dieser Ansatz ähnelt dem des anti-muslimischen US-Pfarrers Terry Jones (der den Film im Westen propagierte) und anderer westlicher Extremisten. Ein führendes Mitglieder von Ägyptens Muslimbruderschaft (der mächtigere und populärere politische Opponent der Salafisten Ägyptens) schrieb an die New York Times: "Wir halten die Regierung oder Bürger Amerikas nicht für die Taten einiger weniger, die die Rechte für freie Meinungsäußerung ausnutzen, verantwortlich".

Gute Berichterstattung hierzu

Ein einsames Grüppchen von Journalisten und Intellektuellen hat sich den Protesten mit dem Wunsch genähert, wirklich die dahinter stehenden Kräfte zu verstehen. Zu ihnen zählen Hisham Matar, der eindrucksvoll Beghazi nach dem Tod von Botschafter Stevens beschreibt, und Barnaby Phillips, der sich damit beschäftigt, wie islamische Konservative den Film zu ihrem Vorteil manipulierten. Die Anthropologin Sarah Kendzior warnt davor, die muslimische Welt als eine homogene Einheit zu betrachten. Und Professor Stanley Fish untersucht eine schwierige Frage: warum viele Muslime so sensibel auf unschmeichelhafte Darstellungen des Islam reagieren.

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